BPtK 17. Oktober 2016
Das Heft in die eigene Hand nehmen

BPtK-Symposium zum Thema „Frauen in die Berufspolitik!“


Dr. Dietrich Munz
Dr. Dietrich Munz

Die meisten Gesundheitsberufe werden in erster Linie von Frauen ausgeübt, auch die akademischen Heilberufe. Die Bundespsychotherapeutenkammer (BPtK) vertritt mehr als 43.000 Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten. Mit 72 Prozent sind mehr als zwei Drittel der Kammerangehörigen Frauen. Die Geschlechterverteilung in den Gremien der Psychotherapeutenschaft auf Landes- und auf Bundesebene spiegelt aber nicht diese Mitgliederstruktur wider. Um auf dieses Missverhältnis aufmerksam zu machen und darüber zu diskutieren, wie die Repräsentanz von Frauen in den Gremien auf Bundes- und auf Landesebene verbessert werden kann, veranstaltete die BPtK am 29. September 2016 in Berlin ein Symposium, zu dem Frauen und Männer aus Wissenschaft, Politik und Berufspolitik eingeladen waren.

BPtK-Präsident Dr. Dietrich Munz erläuterte in seiner Begrüßung, dass bei den unter 35-jährigen Kammermitgliedern der Anteil der Frauen bereits bei über 90 Prozent liege. In den Gremien auf Bundes- und Landesebene beschäftigten sich fast nur Männer mit den wichtigen Fragen der Ausübung des Berufes. Klar sei: "So darf es nicht bleiben."

Annette Widmann-Mauz

In ihrem Grußwort dankte die Parlamentarische Staatssekretärin im Bundesministerium für Gesundheit und Bundesvorsitzende der Frauen Union der CDU, Annette Widmann-Mauz, der BPtK, dieses wichtige Thema in die Öffentlichkeit getragen zu haben. Sie stellte klar, dass sich etwas ändern müsse und es sich auch ändern werde: "Noch nie waren die Chancen auf eine Karriere in der Politik für Frauen so gut wie heute!". Sie erklärte, dass sich seit ihren ersten Schritten in der Politik enorm viel geändert habe und Frauen heute selbstverständlich an der Spitze von Parteien stünden. Frauen seien so gut wie niemals zuvor ausgebildet und als Nachwuchstalente von Parteien gesucht. Frauen müssten gute Rahmenbedingungen und Strukturen vorfinden, aber auch selbst das Heft in die eigene Hand nehmen. Widmann-Mauz erinnerte an ein Zitat aus dem Film über Margaret Thatcher "Die eiserne Lady": "Ich bin außerordentlich geduldig, vorausgesetzt ich bekomme, was ich will!".

Dr. Elke Wiechmann
Dr. Elke Wiechmann

Frauenanteil in den Parlamenten

Dr. Elke Wiechmann, Soziologin und Politikwissenschaftlerin von der Fernuniversität Hagen, führte mit ihrem Vortrag "Frauen in der Politik" fachlich in das Thema ein. Sie stellte dar, welche Quotenregelungen in den politischen Parteien Deutschlands bestünden und wie die Repräsentanz von Frauen im Bundestag und den Landesparlamenten ausgestaltet sei. Seit 1980 sei der Frauenanteil im Bundestag von 9 auf nur 36 Prozent (2015) gestiegen. Wiechmann erläuterte weiter, dass die großen Parteien zwar erkennen würden, dass Frauen unterrepräsentiert sind, es gebe jedoch keine Strategien, diese Problematik aufzulösen. Die Begründung der Unterrepräsentanz werde vor allem bei den Frauen selbst gesucht. Die Frauenquote werde von den Frauen differenziert diskutiert. Oft fühlten sich Frauen bezüglich ihrer Kompetenzen entwertet. Auf der anderen Seite stellte Wiechmann fest, dass ohne die Quote noch weniger Frauen von den Parteien rekrutiert und nominiert würden.

Gesine Agena
Gesine Agena

Frauenstatut und Quotenregelung bei BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN

Gesine Agena, Mitglied im Bundesvorstand und frauenpolitische Sprecherin von BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, stellte gleich zu Beginn ihres Vortrages klar, dass sie sich "stolz als Quotenfrau" bezeichne. Ohne Quote und Frauenstatut wäre sie nicht da, wo sie jetzt sei. In ihrem Vortrag ging sie auf die Instrumente der Gleichstellung bei BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN ein. Im Frauenstatut sei neben der Mindestquotierung für Listen und Gremien auch eine Redelistenquotierung festgeschrieben. Danach sollten Frauen und Männer immer abwechselnd reden. Wenn keine Frau mehr auf der Redeliste stehe, solle außerdem grundsätzlich darüber abgestimmt werden, ob das Thema damit ausdiskutiert sei. Die Redelistenquotierung sei ein sehr wichtiges Instrument, da Frauen eher zurückhaltend diskutierten und Männer immer noch weiterreden wollten, auch wenn alles gesagt sei. Durch die Quotierung könne Zeit gespart werden. Sie werde jedoch nicht immer eingehalten. Die verbindliche Frauenquote von 50 Prozent plus sei sehr erfolgreich, resümierte Agena, da die Politik damit weiblicher geworden ist. Die Quote allein reiche jedoch nicht aus. Der Mitgliederanteil müsse sich durch Frauenförderung erhöhen. Sie betonte dabei, dass Frauenförderung keine Frauenaufgabe sei. Das Frauenstatut der Partei gebe es nicht für die Frauen, sondern für eine bessere Partei.

Christine Klein
Christine Klein

Mentoring und Netzwerkarbeit

Christine Klein, Sprecherin des Helene Weber Netzwerkes, erläuterte, wie sich das Frauennetzwerk gegründet hat und wie seine Arbeit aussieht. Ziel des Netzwerkes sei es, sich untereinander zu stärken sowie die Weiterqualifizierung und gemeinsame Themen parteienübergreifend durchzusetzen. Eine weitere Aufgabe des Helene Weber Netzwerkes sei das Mentoring, eine Möglichkeit, interessierte Frauen an Kommunalpolitik heranzuführen. Erfahrene Politikerinnen teilten dabei ihr Wissen und ihre Erfahrungen mit politischen Einsteigerinnen und begleiten diese auf ihrem Weg. Die Einsteigerinnen, Mentees genannt, bildeten mit den Mentorinnen Tandems und arbeiteten neun Monate in einem Rahmenprogramm zusammen. Die Einsteigerinnen würden auch zu Veranstaltungen mitgenommen oder begleiteten den Arbeitsalltag der Mentorin (Shadowing).

Dr. Christiane Groß
Dr. Christiane Groß

Vertretung der Frauen in der Ärzteschaft

Dr. Christiane Groß, Präsidentin des Deutschen Ärztinnenbundes, stellte aus Sicht der Ärztinnen dar, in welchen Gremien des Gesundheitssystems sich die Frauen engagieren. Sie zeichnete ein trauriges und desillusionierendes Bild, was die Vertretung der Frauen anginge. In ihrem Landesärztekammervorstand, der aus 17 Personen besteht, seien nur 3 Frauen. Die männliche Dominanz könne nach ihrer Ansicht nur durch Vernetzung, Mentoring und dem Überwinden von Selbstzweifeln durchbrochen werden. Sie forderte eine feste Ärztinnenquote in den Gremien der Selbstverwaltung, für chefärztliche Positionen, für die Spitzenpositionen in der Krankenhausverwaltung und in den Berufungskommissionen der Universitäten.

Sabine Steding
Sabine Steding

Frauenpolitische Themen bei der Zahnärzteschaft

Sabine Steding, Mitglied des Vorstandes der Zahnärztekammer Niedersachsen und Vorsitzende des Ausschusses für Familie, Beruf und Praxismanagement der Bundeszahnärztekammer, erläuterte die Entwicklung des Ausschusses und die Themen, die darin gemeinsam bearbeitet werden. Der Ausschuss sei die Interessenvertretung der jungen Zahnärztinnen und Zahnärzte und habe sich die Gleichberechtigung in der Ausübung des Berufes zum Ziel gesetzt. Zu den frauenpolitischen Themen, die in dem Ausschuss erfolgreich bearbeitet worden sind, gehörten beispielsweise die Notdienstgestaltung, die Wiedereingliederung von Zahnärztinnen in den Beruf und die politische Arbeit zum Mutterschutzgesetz.

Dr. Patricia Aden
Dr. Patricia Aden

Strategien zur Erhöhung des Frauenanteils

Dr. Patricia Aden, Mitglied im Vorstand der Ärztekammer Essen, erläuterte, dass sie 2005 zusammen mit einer Kollegin eine Frauenliste für die anstehende Kammerwahl gegründet habe. Auf Anhieb hätten sie zwei Mandate in der Kammerversammlung erlangt und zwei Sitze im Vorstand der Kreisstelle Essen besetzt. In ihrem Vortrag stellte sie die Arbeit des Ad-hoc-Ausschusses "Frauen in der Berufspolitik" der Ärztekammer Nordrhein vor. Der Ausschuss habe fünf Strategien entwickelt, den Frauenanteil in den Gremien zu erhöhen. Neben einer Frauenquote von 33 Prozent und einer Politik der Wertschätzung für ehrenamtliches Engagement werde auch die Einführung einer Stellvertreterregelung vorgeschlagen, denn: "Frauen denken mehr darüber nach, was passiert, wenn sie nicht an einer Sitzung teilnehmen können." Die Entscheidung der Kammerversammlung über die Vorschläge des Ausschusses stehe noch aus.

Dr. Andrea Benecke
Dr. Andrea Benecke

Podiumsdiskussion

BPtK-Vorstand Dr. Andrea Benecke zeigte sich zuversichtlich, den Frauenanteil in den Gremien der Psychotherapeutenkammern zu erhöhen. Es komme einiges an "Arbeit auf uns zu". Sie sah die Notwendigkeit, dass sich Bundes- und Landeskammern verschränken und kündigte eine Bund-Länder-Arbeitsgruppe zur Frauenförderung an. Dort sollten auch die Diskussionen, die im Symposium angeschnitten wurden, weitergeführt werden. Einige Ideen des Symposiums könnten als Vorbild für konkrete Vorschläge dienen.

Christine Klein, Gesine Agena
Christine Klein, Gesine Agena

Verbindlichkeit schaffen

Auf die Frage, welche Schritte die ersten und wichtigsten seien, sah Gesine Agena eine Redelistenquotierung als wesentlich an. Dr. Christiane Groß erläuterte, dass als erstes die Wahlordnungen geändert werden müssen, um den Frauenanteil in den Gremien zu erhöhen. Notwendig sei, eine "Muss-Regelung" zur paritätischen Besetzung einzuführen. Hierfür sei es erforderlich, kammerübergreifend zusammenzuarbeiten. Der erste Schritt sei eine freiwillige Selbstverpflichtung. Groß zeigte sich zuversichtlich: "Wenn man will, schafft man es!".

Sabine Steding erläuterte, dass sich nur etwas von "unten heraus" ändern werde. Deshalb müsse versucht werden, Frauen zu motivieren, sich berufspolitisch zu engagieren. Auf die Frage, wie sie junge Frauen auf sich aufmerksam mache, verwies sie auf ihr Überweisungsnetz, Kommunikation und die Steigerung ihres Bekanntheitsgrades. Wichtig sei es, als Ansprechpartnerin authentisch zu bleiben.

Dr. Patricia Aden sah positiv in die Zukunft. Im Prinzip wären die Frauen "kurz vor dem Durchbruch". Dr. Elke Wiechmann war eher vorsichtig. Auf die Frage "Schaffen wir das?" antwortete die Soziologin: "Gegenwärtig offenbar nicht." Ihrer Meinung nach dürften Formulierungen in Gesetzen keine Ausweichmöglichkeiten zulassen. Auch sie empfahl, dass Frauen parteien- und kammerübergreifend zusammenarbeiten.

Hindernisse überwinden

Christine Klein sprach von ihrer eigenen Erfahrung als Kriminalpolizistin. Gleich mit Eintritt in die Polizei habe sie mit Berufspolitik angefangen. Von Beginn an sei sie eine Einzelkämpferin gewesen. Angesichts der Hindernisse, die sie habe überwinden müssen, rate sie Frauen, sich einander zuzuwenden und sich zu vernetzen. Auch Aden riet jungen Frauen, den Einstieg in die Berufspolitik einfach zu wagen. Eine Vernetzung sei auch mit Männern möglich, denn "von Männern lernen heißt siegen lernen." Frauen, so Aden, könnten die Strategien der Männer übernehmen oder an sich abgleiten lassen.

Podiumsdiskussion
Podiumsdiskussion

Das Podium war sich einig, wie wichtig es sei, junge Frauen anzusprechen und sie so für ein Engagement in der Politik zu gewinnen. Auf die Nachfrage aus dem Publikum, wie mit dem Problem umgegangen werden könne, dass junge Frauen sich oft aus der Politik verabschieden, wenn sie eine Familie gründen, wurden verschiedene Strategien diskutiert, die Strukturen der Gremienarbeit zu verändern, z. B. Vertreterlösungen und Aufwandsentschädigungen bis hin zur Kinderbetreuung.

Das gesamte Podium war sich schließlich darin einig, dass eine verbindliche Quote essenziell für die Erhöhung des Frauenanteils in den Gremien sei.

Der Blick in die Zukunft

Benecke warf einen Blick in die Zukunft: Frauen hätten in zehn Jahren eine Mehrheit im Deutschen Psychotherapeutentag. Sie würden selbstverständlich in die Vorstände gewählt. "Über eine Quote muss man dann nicht mehr diskutieren", zeigte sich Benecke optimistisch.

Nach einer anregenden Diskussion mit dem Publikum ergriff BPtK-Präsident Munz noch einmal das Wort, um zu betonen, dass er insbesondere den Frauen auf dem 27. Deutschen Psychotherapeutentag zu danken habe. Diese hätten den BPtK-Vorstand aufgefordert, sich dieses wichtigen Themas anzunehmen.

Dr. Andrea Benecke
Dr. Andrea Benecke

In ihrem Schlusswort betonte Benecke, dass sie durch die Veranstaltung "viel Rückenwind" für die weitere Arbeit mitnehme. Sie stellte auch klar, dass die Veränderungen von unten nach oben sehr wichtig seien, Veränderungen also bereits bei den Landespsychotherapeutenkammern ansetzen müssten. Von der Arbeit der Bund-Länder-AG werde auf dem Deutschen Psychotherapeutentag berichtet, der dann letztlich auch über satzungsrelevante Änderungen für die BPtK entscheiden müsse.

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