BPtK 09. Oktober 2014
Die ganze Familie ist betroffen – Leben mit Schizophrenie

WHO-Tag der Seelischen Gesundheit 2014 am 10. Oktober

Schwer psychisch kranke Menschen brauchen ein besseres ambulantes, multiprofessionelles Behandlungs- und Betreuungsangebot, das auch ihre Angehörigen mit unterstützt. Warum – das zeigt aktuell der Film „Hirngespinster“, der heute in Deutschland angelaufen ist. Der Film erzählt die Geschichte des 22-jährigen Simon, dessen Vater an Schizophrenie erkrankt ist.

Der Vater ist Architekt, lebt zusammen mit seiner Familie im eigenen Haus und arbeitet dort an dem Entwurf eines Museumsbaus, an dessen Ausschreibung er sich beteiligen will. Simon weiß um die Erkrankung des Vaters und dass sein Alltag immer durch Spannungen und Konflikte gefährdet ist. Seine Mutter arbeitet tagsüber bei einer Versicherung, die achtjährige Schwester geht zur Schule. Simons Vater fühlt sich bei seiner Arbeit beobachtet und hat Angst, dass seine architektonischen Entwürfe für das Museum ausspioniert werden. Als er deshalb die Satellitenanlage der Nachbarn zerstört, steht die Polizei vor der Tür. Simon ist derjenige, der vermittelt und die Wogen glättet, um den Vater vor einer Einweisung ins Krankenhaus zu bewahren und das gemeinsamen Familienleben zu retten.

„In diesen Familien ist es nicht selten, dass Kinder die Verantwortung für ein psychisch erkranktes Elternteil übernehmen, um den Familienalltag aufrechtzuerhalten“, erläutert Prof. Dr. Rainer Richter, Präsident der Bundespsychotherapeutenkammer (BPtK). „Das ist eine Überforderung für die Kinder, die eigentlich selber Unterstützung bräuchten.“

Als die Konflikte um die Satellitenschüssel der Nachbarn eskalieren, erfolgt die zwangsweise Einweisung des Vaters in ein psychiatrisches Krankenhaus. Auch dort verweigert er die Einnahme von Medikamenten, die helfen sollen, seine psychotischen Symptome zu dämpfen. Vater Hans kennt bereits die starken Nebenwirkungen der Psychopharmaka – unter anderem häufig eine Einschränkung des Denkvermögens und Antriebslosigkeit – vor allem aber befürchtet er, seine Kreativität als Architekt zu verlieren.

„Auch das ist realistisch dargestellt. Viele Patienten mit einer Schizophrenie leiden unter den starken Nebenwirkungen der Medikamente und verringern häufig ihre Dosis oder setzen diese ganz ab“, erklärt BPtK-Präsident Richter. „Stattdessen wird Patienten mit Schizophrenie viel zu selten Psychotherapie angeboten, die dabei helfen kann, die Erkrankung besser einzuschätzen und zu steuern. Psychotherapie hilft nachweislich bei der Krankheitsbewältigung, zur Rückfallprophylaxe, aber vor allem auch während der akuten Phase bei der Reduktion der psychotischen Symptome.“

Der Film bietet keine einfache Lösung. Vater Hans kehrt nach Hause zurück, ist aber chronisch krank. Simon erkennt, dass er die Erkrankung seines Vaters nicht ändern kann und sein eigenes Leben nicht aufgeben darf. Er verlässt sein Elternhaus. „Die Versorgung von Patienten mit einer Schizophrenie und die Unterstützung ihrer Angehörigen müssen dringend verbessert werden“, stellt Prof. Richter fest. „Durch eine schizophrene Erkrankung ist eine Familie häufig überfordert. Es fehlen ambulante Hilfen, die Erkrankte und ihre Familie unterstützen und ein Leben in den eigenen vier Wänden ermöglichen. Medikamente, die dem Erkrankten verordnetet werden, sind da nur begrenzt nützlich.“

Schizophrenie ist – verglichen mit anderen psychischen Erkrankungen (Depressionen, Angststörungen) – zwar eine seltene Erkrankung, in Deutschland leben jedoch rund 800.000 Menschen, die schon einmal eine akute psychotische Phase erlitten haben. Einer von 100 Erwachsenen leidet im Laufe seines Lebens an dieser schweren psychischen Erkrankung. Männer und Frauen sind etwa gleich häufig betroffen – Männer mit 20 bis 25 Jahren, Frauen etwas später mit 25 bis 30 Jahren. Manche Menschen erleben nur einmal eine psychotische Episode und danach nie wieder, bei anderen nimmt die Erkrankung einen chronischen Verlauf.

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