BPtK 04. Juni 2009
"Eine missratene TV-Produktion"

BPtK-Vorstand Lehndorfer zur Ausstrahlung der RTL-Sendung "Erwachsen auf Probe"

Herr Lehndorfer, war die RTL-Sendung "Erwachsen auf Probe" so schlimm wie befürchtet?

Ich halte die RTL-Dokusoap "Erwachsen auf Probe" nach wie vor für eine missratene Sendung. Grundsätzlich fehlt mir jedes Verständnis dafür, dass Säuglinge als Versuchskaninchen in TV-Experimenten eingesetzt werden. RTL ließ Teenager an fremden Säuglingen ausprobieren, ob sie sich verantwortlich als Eltern verhalten können. Eine Puppe alleine reichte ja nicht aus, dann hätte ja nichts schief gehen können. Erschrocken war ich auch darüber, wie die jungen Paare vorgeführt wurden und ihr Scheitern öffentlich zur Schau gestellt wurde. Selbstverständlich können auch Teenagereltern beraten und angeleitet werden und lernen, ihre Elternaufgaben Schritt für Schritt verantwortungsvoll zu übernehmen. Die jungen RTL-Eltern haben dringend Hilfe gebraucht. Das konnte man in vielen Szenen sehen. Der Sender hat ihnen aber nicht geholfen, sondern sie sogar noch gezielt überfordert. Mit Zwillingen, um die sich ein Teenagerpaar zu kümmern hatte, kommen auch ganz normale Eltern an ihre Grenzen. Das Scheitern der jungen Eltern war Absicht. Warum kann RTL seinen Protagonisten eigentlich nicht tatsächlich helfen, wenn sie in Schwierigkeiten geraten. Das Konzept dieser RTL-Sendung ist für mich deshalb weiterhin unakzeptabel und menschenverachtend.

Was gefährdete denn die Gesundheit der Säuglinge?

Der Dreh der Sendung. Bei unserer Kritik an der Sendung haben wir uns an die RTL-Pressemappe gehalten. RTL hat sich inzwischen selbst von seiner ersten Darstellung distanziert und die Pressemappe der Kritik angepasst. Der Leser soll jetzt offenbar der Version glauben, die für RTL günstiger ist. Tatsache aber ist, dass RTL bis heute keine ausreichende Auskunft gegeben hat. Auch nach der Ausstrahlung der ersten Sendefolge fehlt mir diese Klarheit: RTL redet an den entscheidenden Fragen vorbei.

Was ist nicht ausreichend klar?

RTL hat insbesondere nicht gezeigt, wie die Übergabe der Säuglinge an die fremden Eltern erfolgte, ob die Säuglinge ausreichend Zeit hatten, sich an die unbekannten Personen zu gewöhnen. RTL hat auch nicht gezeigt, ob die Säuglinge während der Nacht bei den leiblichen Eltern waren. Plötzliche oder nächtelange Trennungen von Bezugspersonen können aber die psychische Gesundheit von Kleinstkindern gefährden. Es reicht nicht, die Kinder gut zu füttern. Die Säuglinge brauchen die Geborgenheit und Vertrautheit der wichtigsten Person in ihrem Leben. Das ist meist die leibliche Mutter oder der Vater. Säuglinge, die einfach an der Haustür von Fremden abgeben werden, geraten in großen Stress, der für sie zu einem traumatischen Erlebnis werden kann. Kinderkrippen und -tagesstätten achten deshalb darauf, dass beim Kennenlernen für die Kinder ausreichend Zeit besteht, sich an die unbekannten Erzieherinnen zu gewöhnen. Diese Mindeststandards sollten auch für Film- und TV-Produktionen gelten.

Was halten Sie grundsätzlich vom Einsatz von Säuglingen im Film- und Fernsehproduktionen?

Vor einer Kamera zu stehen ist selbst für Erwachsene Stress. Erwachsene können dazu aber ja oder nein sagen, Säuglinge nicht. Für Kinder zwischen drei und sechs Jahren hat der Gesetzgeber im Jugendarbeitsschutzgesetz Vorschriften erlassen, die bei Film- und Fernsehsendungen eingehalten werden müssen. Merkwürdigerweise fehlen entsprechende Regeln für Säuglinge und Kinder bis drei Jahren. Hier besteht eine Babylücke im Arbeitsschutz. Diese sollte möglichst bald geschlossen werden. Wieso sollten Sechsjährige besser geschützt werden als Säuglinge?

Wie könnten solche gesetzlichen Regelungen aussehen?

Mit drei- bis sechsjährigen Kindern dürfen höchstens zwei Stunden täglich Film- und Fernsehaufnahmen gemacht werden und zwar in der Zeit zwischen acht und 17 Uhr. Ich weiß nicht, ob RTL sich überhaupt nur an diese Regeln für drei- bis sechsjährige Kinder gehalten hat. Für Säuglinge müssten selbstverständlich strengere Regeln gelten. Ich denke, mehr als eine halbe Stunde täglich dürfte mit ihnen nicht gedreht werden. Insbesondere müsste aber jederzeit Blickkontakt zwischen den Kindern und Eltern möglich sein. Und sie dürfen nicht angst- und stressverursachenden Situationen ausgesetzt sein. Es reicht nicht, die Kinder per Kamera in einem anderen Haus zu beobachten. Der Gesetzgeber müsste außerdem die Einhaltung dieser Kriterien kontrollieren. Eltern müssten schriftlich über die gesetzlichen Vorschriften bei Film- und Fernsehaufnahmen informiert werden.

Hat die massive Kritik an RTL der Sendung nicht erst recht Zuschauer beschert?

Das ist zu vermuten. Leider. Das haben wir auch abgewogen, bevor wir uns öffentlich geäußert haben. Unsere Entscheidung lautete aber: TV-Experimente mit Säuglingen sind ein nicht hinnehmbarer Tabubruch. Das müssen wir anprangern, das darf nicht so weitergehen. Es ist schade, dass wir überhaupt Gesetze brauchen, um Säuglinge davor zu schützen, als Versuchskaninchen benutzt zu werden. Sitte und Anstand könnten ja auch ausreichen. Offensichtlich aber nicht bei RTL. Deshalb haben wir die öffentliche Debatte mit eröffnet. RTL ist jetzt immerhin der TV-Sender, der mit Säuglingen missratene TV-Unterhaltung betreibt.

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