BPtK 19. Dezember 2011
Mehr Transparenz in Psychiatrie und Psychosomatik

BPtK-Veranstaltung „Welches Krankenhaus für psychisch kranke Menschen?“

Nach dem Statistischen Bundesamt wurden in Deutschland im Jahr 2010 rund 842.000 Menschen in Krankenhäusern für Psychiatrie oder Psychosomatik behandelt. Behandlungskonzepte und -qualität unterscheiden sich zwischen den verschiedenen Krankenhäusern jedoch erheblich. Bisher gibt es allerdings nur wenige Informationen darüber, was in Krankenhäusern für psychisch kranke Menschen passiert. Das BPtK-Symposium „Welches Krankenhaus für psychisch kranke Menschen?“ beschäftigte sich deshalb am 21. November 2011 in Berlin mit den Fragen: Welche Informationen brauchen Patienten, um sich für oder gegen ein Krankenhaus entscheiden zu können, und welche Schritte sind notwendig, um zu diesen Informationen zu gelangen.

Patientenbeauftragter: Zu medizinisch und zu bürokratisch

Patientenbeauftragter der Bundesregierung Wolfgang Zöller und BPtK-Präsident Prof. Dr. Rainer Richter

Sein Ziel sei es, den Patienten als Partner im Gesundheitswesen zu stärken, erklärte der Patientenbeauftragte der Bundesregierung, Wolfgang Zöller, in seinem Grußwort. Voraussetzung, um sich an Behandlungsentscheidungen beteiligen zu können, seien ausreichende und vor allem verständliche Informationen. Transparenz sei im deutschen Gesundheitswesen zwar wichtig, aber häufig zu medizinisch und bürokratisch ausgerichtet und würde sich mehr an den Leistungserbringern als an den Patienten orientieren. Die Krankenhäuser sollten – auch für psychisch kranke Menschen – die erste Anlaufstelle sein, um sich über Behandlungen zu informieren. Dabei sei ein möglichst niedrigschwelliger und einfacher Ansatz anzustreben.

Internetinformationen sehr unterschiedlich

Dr. Stefan Etgeton, Bertelsmann-Stiftung

Dr. Stefan Etgeton von der Bertelsmann-Stiftung und dort zuständig für das Programm „Versorgung verbessern – Patienten informieren“ gab einen Überblick über aktuelle Informationen für Patienten mit einer psychischen Erkrankung. Die entscheidenden Fragen für Patienten seien: „Was habe ich?“, „Was mache ich?“, „Wer hilft mir?“, „Wohin gehe ich?“ und „Wie wird es mir hinterher gehen?“. Es gebe verschiedene Möglichkeiten, sich zu diesen Fragen Informationen zu besorgen, diese seien jedoch teilweise lückenhaft. So seien z. B. die Internetseiten der Einrichtungen für Psychiatrie und Psychosomatik von sehr unterschiedlicher Qualität und Aussagekraft. Insbesondere fehlten häufig konkrete Angaben, z. B. wie viele Stunden Therapie die Woche oder welche Verfahren angeboten werden.

Wenn man verschiedene Krankenhäuser miteinander vergleichen wolle, könne man sich über die „Weisse Liste“, die auf den strukturierten Qualitätsberichten der Krankenhäuser (§ 137 SGB V) basiert, informieren. Im Bereich Psychiatrie/Psychosomatik fehlten aber wichtige Daten zur Struktur- und Prozessqualität. Neben diesen Informationsangeboten seien der behandelnde Arzt oder Psychotherapeut sowie die Unabhängige Patientenberatung und die Selbsthilfe weitere wichtige und potenzielle Ansprechpartner. Aber auch diese seien letztlich darauf angewiesen, dass die für Patienten relevanten Informationen grundsätzlich zur Verfügung stünden. Hier bestehe durchaus noch Entwicklungsbedarf.

Sektorenübergreifende Qualitätssicherung

Dr. Antje Haas, GKV-Spitzenverband

Einen Überblick über aktuell für die Qualitätssicherung und damit auch über Daten, die für Patienteninformationen zur Verfügung stehen, gab Dr. Antje Haas vom GKV-Spitzenverband. Da die gegenwärtigen Maßnahmen zur Qualitätssicherung im Krankenhaus durch den Gemeinsamen Bundesausschuss (G-BA) zwar aufwändig seien, aber den Bereich Psychiatrie/Psychosomatik nicht mit einschlössen, fehlten bisher aussagekräftige Daten. Ein Problem sei es auch, dass Routinedaten, wie z. B. Diagnosen, aufgrund der unterschiedlichen Kodierqualität vermutlich nur eingeschränkt für die Qualitätssicherung genutzt werden könnten, weil Kodierrichtlinien fehlen. Die Kodiersicherheit müsse verbessert werden.

Mit der Entwicklung eines pauschalierenden Entgeltsystems für Einrichtungen der Psychiatrie und Psychosomatik ergebe sich auch die Notwendigkeit, Maßnahmen zur Qualitätssicherung einzuführen. Der G-BA sei deshalb beauftragt worden, die Entwicklung einer sektorenübergreifenden Qualitätssicherung für den Bereich der psychiatrischen, psychosomatischen und psychotherapeutischen Versorgung beim AQUA – Institut für angewandte Qualitätsförderung und Forschung im Gesundheitswesen in Auftrag zu geben. Aus Sicht des GKV-Spitzenverbandes seien dabei folgende Punkte wesentlich: die Entwicklung eines Mix aus generischen und indikationsspezifischen Qualitätsindikatoren, die Schwerpunktsetzung auf Indikations- und Ergebnisqualität und eine Fokussierung auf die Schwerkranken. Die Abbildung der Prozessqualität sei nur da relevant, wo sie die Ergebnisqualität beeinflusse. Die sektorenübergreifende Qualitätssicherung solle mit dem initialen Krankenhausaufenthalt starten und dann den Weg durch die Versorgungskette bis in den vertragsärztlichen Bereich abbilden.

Auf der Basis von evidenz- und konsensbasierter Medizin

Prof. Dr. Wolfgang Gaebel, Universitätsklinik Düsseldorf

Einen Überblick über aktuelle Initiativen zur Qualitätssicherung und zu Qualitätsindikatoren in Psychiatrie und Psychotherapie gab Prof. Dr. Wolfgang Gaebel von der Universitätsklinik Düsseldorf. Er betonte, dass die psychiatrisch-psychotherapeutischen Einrichtungen zwar keine „Black Box“, aber die Qualitätsberichte für Patienten sicherlich unzureichend seien. Für eine aufgeklärte Inanspruchnahme benötigten Patienten aussagekräftige Daten. Aber auch das Versorgungssystem benötigte bessere Daten, um die Versorgung steuern zu können.

Eine qualitätsgesicherte Versorgung von Menschen mit psychischen Erkrankungen müsse auf der Basis der evidenz- und konsensbasierten Medizin erfolgen. Die Indikatoren müssten die verfügbaren Strukturen, deren Organisations- und Behandlungsabläufe, die sektorenübergreifende Vernetzung, aber auch Prozess- und Ergebnisqualität abbilden. Die Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde (DGPPN) habe gerade für die häufigsten stationär behandelten psychischen Erkrankungen – Depression, Demenz, Schizophrenie und Alkoholabhängigkeit – Qualitätsindikatoren auf der Basis von Leitlinien entwickelt. Für den Bereich schizophrener Erkrankungen seien beispielsweise elf Indikatoren für die Bereiche Diagnostik, Pharmakotherapie, Langzeittherapie, Psychotherapie, Akuttherapie und Rehabilitation ausgewählt worden. Dieses Indikatorenset sollte auch bei der Entwicklung der Qualitätsindikatoren durch AQUA Berücksichtigung finden.

Gemeinsame Entscheidungen und Gespräche auf Augenhöhe

Ingo Ulzhoefer

Entscheidend ist letztlich, dass Patienteninformationen zur stationären Versorgung in Einrichtungen der Psychiatrie und Psychosomatik tatsächlich die für Patienten relevanten Informationen enthalten. Ingo Ulzhoefer, ehemaliger Patient, schilderte, welche Anforderungen aus seiner Sicht an eine „gute“ stationäre Therapie bestehen. Hierzu gehörten unter anderem ein breites, leitlinienorientiertes therapeutisches Angebot mit intensiver Psychotherapie auch für Schwerkranke, ein gutes Aufnahme- und Entlassungsmanagement, gut ausgebildete Behandler sowie ein angemessener Personalschlüssel und eine funktionierende sektorenübergreifende Kooperation. Neben diesen Faktoren, die sich vermutlich auch in Qualitätsberichten abbilden ließen, müssten jedoch Konzepte wie „Shared Decision Making“ und rechtlich verpflichtende wirksame Behandlungsvereinbarungen eine Selbstverständlichkeit sein. Man könne diese Liste weiter verlängern, letztlich entscheidend sei aber die Haltung, mit der die Behandler den Patienten begegnen. Ulzhoefer forderte ein Gespräch auf Augenhöhe. Dies in messbare Größen zu übersetzen, sei natürlich ungleich schwieriger.

Psychiatrie-Report 2010 der Vitos-Kliniken

Joachim Hübner, Vitos GmbH

Ein Beispiel für eine Darstellung der Versorgungsqualität in psychiatrischen Einrichtungen, die über die gesetzlichen Vorgaben hinausgehen, ist der Psychiatrie-Report 2010 der Vitos-Kliniken. „Bei allen im Moment noch vorhandenen methodischen Unzulänglichkeiten soll dieser Bericht unterstreichen, dass die Vitos-Einrichtungen sich dem Leistungs- und Qualitätswettbewerb stellen und zu mehr Offenheit und Transparenz des Leistungsgeschehens beitragen wollen, erklärte Joachim Hübner, Geschäftsbereichsleiter Unternehmensentwicklung bei Vitos. Der Psychiatrie-Report biete Kennzahlen aus der Erwachsenen-, Kinder- und Jugendpsychiatrie, forensischen Psychiatrie und der Rehabilitation für psychisch kranke Menschen. Dazu gehörten auch Angaben zur Anzahl der Suizide in den Einrichtungen und zur Patientenzufriedenheit. Dabei sei die Kennzahl „Suizide“ im Prinzip nicht sehr aussagekräftig, da dieses Ereignis insgesamt selten vorkomme. Die Patientenzufriedenheit, die allgemein abgefragt werde (z. B. „Wie sind die pflegerischen Gruppenangebote?“), sei insgesamt hoch und unterscheide sich zwischen den Kliniken wenig. Der Psychiatrie-Report solle zukünftig noch um weitere Parameter, wie Angaben zu Zwangsmaßnahmen, eine diagnosespezifische Erfassung der Erkrankungsschwere sowie der Ergebnisqualität, ergänzt werden.

BPtK-Checkliste im Praxistest

Dr. Tina Wessels, BPtK

Über den Praxistest der BPtK-Checkliste für Einrichtungen der Psychiatrie und Psychosomatik referierte Dr. Tina Wessels von der Bundespsychotherapeutenkammer (BPtK). Dazu hatten zwei Testpersonen insgesamt 79 Krankenhäuser in Nordrhein-Westfalen angerufen und sich als Angehörige eines depressiv kranken Patienten über die Häuser informiert. Die Umfrage ergab, dass in fast 90 Prozent der Kliniken die Anrufer keine konkreten Beschreibungen eines Behandlungskonzepts oder typischen Therapieplans erhielten. Typisch waren vielmehr allgemeine Antworten, z. B. „Auf Station gibt es einen regelmäßigen Tagesablauf“ oder „Die Therapie ist multimodal und individuell zugeschnitten“. Auf Nachfragen gab zumindest ein Teil der Kliniken genauere Auskunft über Art und Umfang der medikamentösen Therapie oder Psychotherapie.

Eine bessere Information sei aus Sicht der BPtK aber grundsätzlich möglich, denn es könne davon ausgegangen werden, dass in jedem Krankenhaus Erfahrungswerte vorlägen, wie der typische Therapieplan bei einem bestimmten Krankheitsbild gestaltet werde. Hierzu würden sowohl Angaben zu den angebotenen Therapien, aber auch zu deren Umfang gehören. Umso wichtiger wäre es deshalb, dass die Krankenhäuser verfügbare Daten und Informationen zukünftig so aufbereiten und darstellen würden, dass sie verständliche und hilfreiche Aussagen über die Strukturqualität und die Behandlungspfade eines Krankenhauses ermöglichten.

Diskussion
In der abschließenden Podiumsdiskussion ging es um die Fragen, welche Informationen für Patienten relevant sind und welche weiteren Schritte auf dem Weg zu aussagekräftigeren Patienteninformationen notwendig wären. Jurand Daszkowski vom Bundesverband Psychiatrie-Erfahrener und Patientenvertreter beim G-BA plädierte dafür, zukünftig auch die Berichte der Beschwerdestellen Psychiatrie und der Besuchskommissionen öffentlich zu machen. Patienten seien vor allem daran interessiert, welche Erfahrungen andere Patienten mit der gleichen Diagnose in einem Krankenhaus gemacht hätten, ergänzte Dr. Ilona Köster-Steinebach von der Verbraucherzentrale Bundesverband. Dabei käme es vor allem darauf an, die Patientenerfahrungen nicht global, sondern ereignisbezogen und möglichst konkret zu erfragen.

Podiumsdiskussion, v.l.n.r.: Jurand Daszkowski (Bundesverband Psychiatrie-Erfahrener e.V.. ), Dr. Stefan Etgeton (Bertelsmann-Stiftung), Prof. Dr. Wolfgang Gaebel (Universitätsklinik Düsseldorf), Ingo Bach (Moderator), Antje Haas (GKV-Spitzenverband), Dr. Hiltrud Kastenholz (BMG), Ilona Köster-Steinebach (Verbraucherzentrale Bundesverband), Prof. Dr. Richter (BPtK)

Prof. Dr. Rainer Richter, Präsident der BPtK, erklärte, dass die Qualitätssicherung in Krankenhäusern für Psychiatrie und Psychosomatik bereits viel weiter sein könnte, wenn die Häuser sich konsequent an Leitlinien orientierten und diese in der Versorgung besser implementieren würden. Durch die geplante Einführung einer sektorenübergreifenden Qualitätssicherung bis 2014 käme man aber in der stationären Versorgung der gewünschten Transparenz immer näher, so Dr. Hiltrud Kastenholz vom Bundesgesundheitsministerium. Allerdings sehe sie auch deutlichen Nachholbedarf in der ambulanten psychiatrischen, psychosomatischen und psychotherapeutischen Versorgung.

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