Esstörungen

Essstörungen sind im Vergleich zu Depressionen oder Angststörungen seltene, aber häufig sehr schwere psychische Erkrankungen.

Etwa ein Prozent der Frauen erkrankt während ihres Lebens an einer Magersucht und circa zwei Prozent der Frauen leiden während ihres Lebens an einer Bulimie. Frauen erkranken etwa zwölfmal häufiger als Männer an einer Magersucht bzw. Bulimie. An Essattacken ohne Hungern und Erbrechen (Binge-Eating-Störung) erkranken zwischen zwei bis drei Prozent der Bevölkerung. Frauen sind hiervon etwa doppelt so häufig betroffen.

Essstörungen beginnen typischerweise im Jugend- oder frühen Erwachsenenalter. Die Magersucht beginnt meist in der Pubertät und hat einen Häufigkeitsgipfel im Alter von durchschnittlich 16 Jahren, die Bulimie zwei bis drei Jahre später. Bei den reinen Essattacken (BES) treten erste Symptome meist schon in der frühen Pubertät auf. Die Krankheit entwickelt sich aber erst vollständig im frühen Erwachsenenalter. Essgestörte leiden häufig auch an Depressionen, Angststörungen und Substanzmissbrauch (z. B. Alkohol, Drogen, Medikamente).

Ursachen und Risikofaktoren

Essstörungen haben mehrere Ursachen. Fast immer wirken mehrere Faktoren zusammen, die das Risiko für diese seelische Erkrankung erhöhen:

  • Geschlecht: Das Risiko, an einer Essstörung zu erkranken, ist für Mädchen oder Frauen deutlich höher.
  • Zwillingsstudien belegen, dass genetische Faktoren bei ihrer Entstehung eine Rolle spielen.
  • Komplikationen in der Schwangerschaft und bei der Geburt, gesundheitliche Probleme in der Kindheit und früh einsetzende Reifung erhöhen das Risiko für eine Erkrankung. Magersüchtige beklagten als Säugling und Kleinkind Magen- und Darm-Beschwerden.

Essstörungen sind in westlichen Industrienationen deutlich häufiger. Deshalb wird angenommen, dass das dortige Schönheitsideal von einem extrem schlanken Körper das Erkrankungsrisiko erhöht.

Magersüchtige beschäftigen sich übermäßig mit Figur und Körpergewicht. Familienfaktoren scheinen sich vor allem auf die Schwere der Erkrankungen auszuwirken.

Sexueller Missbrauch und Vernachlässigung sowie psychische Krankheitsanfälligkeit und geringer Selbstwert in der Jugend erhöhen das Risiko für eine Bulimie, ebenso ein eingeschränktes Essverhalten, z. B. Vermeiden bestimmter hochkalorischer Nahrungsmittel.

Symptome

Magersucht

Die Patientinnen sind stark untergewichtig. Das Körpergewicht liegt mindestens 15 Prozent unter dem normalen Gewicht bzw. der Body-Mass-Index (BMI) unter 17,5. In vielen Fällen ist die sehr starke Abmagerung lebensbedrohlich.

Die Erkrankten führen das Untergewicht selbst herbei, vor allem dadurch, dass sie wenig oder nicht regelmäßig essen. Häufig ist auch der Gebrauch von Appetitzüglern und übertriebene körperliche Aktivität, z. B. exzessives Joggen. Lebensmittel, die zu einer Gewichtszunahme führen können, werden vermieden (Schwarze Liste). Manchmal wird Gegessenes wieder erbrochen, indem sich z. B. der Finger in den Hals gesteckt wird.

Trotz des starken Untergewichts bestehen ausgeprägte Ängste, zuzunehmen oder dick zu werden. Häufig bleibt die erste Regelblutung aus oder die monatliche Menstruation erfolgt nicht regelmäßig. Bei Männern kann es zu Potenzverlust kommen. Typisch ist die übertriebene und verzerrte Wahrnehmung der eigenen Figur und des Schlankseins für die Selbstbewertung.

Die starke Unterernährung führt häufig auch zu körperlichen Symptomen: langsamer Puls, niedriger Blutdruck, Beschwerden im Unterleib, niedriger Stoffwechsel, Zahnausfall, Eiweiß- und Mineralienmangel.

Bulimie

Das Körpergewicht dieser Patientinnen ist meist normal. Sie sind schlank und sehr gepflegt. Es ist kaum zu erkennen, dass sie ständig mit dem Essen beschäftigt sind.

Die Patientinnen erleiden regelmäßig Heißhungeranfälle, bei denen sie in kurzer Zeit sehr viel essen. Um die Kalorienzufuhr rückgängig zu machen, erbrechen sie meist das Gegessene, z. B. indem sie sich den Finger in den Hals stecken. Häufig ist ebenso der Gebrauch von Appetitzüglern und übertriebene körperliche Aktivität, z. B. exzessives Joggen.

Es besteht eine krankhafte Angst davor, dick zu werden. Die Patientinnen setzen sich eine Gewichtsgrenze, die deutlich unter dem gesunden oder „optimalen“ Gewicht (BMI) liegt. Aus Furcht vor einer Gewichtszunahme halten die Patientinnen zwischen den Essattacken oft eine Dauerdiät ein.

Bei lang anhaltender Symptomatik kommt es oft zu Zahnschäden und Störungen des Elektrolyt-Haushaltes.

Essattacken ohne Hungern oder Erbrechen (Binge-Eating-Störung)

Die Patienten erleiden immer wieder Essattacken, bei denen sie sehr viel essen und die Kontrolle über das Essen verlieren. Die Kalorienzufuhr wird nicht regelmäßig durch Erbrechen, Hungern oder exzessive körperliche Aktivität ausgeglichen. Die Erkrankten sind deshalb häufig deutlich übergewichtig.

Diagnostik

Für die Diagnostik und Differenzialdiagnostik ist ein ausführliches Gespräch unerlässlich. Dazu können auch Tests mit Fragebögen eingesetzt werden, z. B. SKID (Strukturiertes Klinisches Interview) oder DIPS (Diagnostisches Interview bei psychischen Störungen). Darüber hinaus existieren verschiedene umfassendere essstörungsspezifische Interviews, z. B. EDI (Eating Disorder Inventory), FEV (Fragebogen zum Essverhalten).

Die Diagnostik erfasst die familiäre Vorgeschichte (z. B. Erkrankungen der Eltern, Essverhalten in der Familie) sowie die biografische Vorgeschichte einschließlich möglicher emotionaler Vernachlässigung und Missbrauch.

Wichtig ist es abzuklären, ob weitere psychische Störungen vorliegen, insbesondere Depressionen, Angststörungen, Substanzmissbrauch und -abhängigkeit (z. B. Alkohol, Drogen, Medikamente) sowie Persönlichkeitsstörungen. Liegen andere („komorbide“) Störungen vor, muss der Behandlungsschwerpunkt sorgfältig abgewogen werden.

Die vielfältigen körperlichen Risiken der Essstörungen machen eine umfassende medizinische Diagnostik zwingend erforderlich.

Therapie

Besteht eine körperliche Gefährdung, ist es meist notwendig, die Patientin im Krankenhaus zu behandeln. Dies kann erforderlich sein, wenn das Körpergewicht sehr deutlich unter dem Normalgewicht liegt oder die Patientin rapide oder anhaltend abnimmt. Das wichtigste Therapieziel ist dann, wieder ein gesundes Gewicht zu erreichen und die körperlichen Folgeschäden und Komplikationen zu behandeln. Ein annähernd normales Körpergewicht ist in der Regel die Voraussetzung für eine weitergehende psychotherapeutische Behandlung.

Bei allen drei Essstörungen ist eine evidenzbasierte Psychotherapie die Behandlungsmethode der ersten Wahl. Dabei ist insbesondere bei magersüchtigen Patientinnen im Jugendalter eine Psychotherapie ratsam, die die Familie aktiv in die Behandlung einbezieht. Die Wirksamkeit der Psychotherapie bei Essstörungen wurde in zahlreichen Studien nachgewiesen. Lediglich bei Magersucht ist die empirische Studienlage noch unbefriedigend.

Die wichtigsten Ziele der Psychotherapie sind zunächst eine Normalisierung des Essverhaltens und Gewichts sowie eine Behandlung der psychischen Beschwerden und Probleme. Dazu gehört u. a., falsche Körperideale über Schlankheit und Gewicht zu korrigieren, insbesondere die gestörte Wahrnehmung des eigenen Körpers und Gewichts („Körperschemastörung“) zu ändern. Zu den Zielen der Therapie gehören auch, ein angemessenes Selbstwertgefühl und soziale Kompetenzen zu entwickeln.

Heilungschancen

Die Erfolgsaussichten einer Behandlung sind stark von der Schwere und Dauer der Essstörung abhängig. Die Heilungschancen sind bei der Bulimie und den Essattacken ohne Hungern und Erbrechen besser als bei der Magersucht. Bisher gelingt es, etwa 50 Prozent der magersüchtigen Patientinnen erfolgreich zu behandeln, bei weiteren 30 Prozent verbessert sich die Erkrankung deutlich. Bei rund 20 Prozent entwickelt sich eine chronische Essstörung, die dauerhaft bestehen bleibt. Liegen die Kontrolluntersuchungen mehr als zehn Jahre nach der Behandlung, steigen die Erfolgsaussichten sogar auf fast 75 Prozent. Allerdings besteht für manche Patientinnen ein besonders hohes Mortalitätsrisiko. Zehn Jahre nach der Erstdiagnose lag die Sterberate von magersüchtigen Patientinnen zehnfach über dem Durchschnitt der Altersgenossinnen.

Bei der Bulimie sind 50 bis 70 Prozent der Behandlungen erfolgreich. Allerdings können sich die Symptome der Bulimie verändern bzw. verlagern und viele Patientinnen werden rückfällig.

Bei Essattacken ohne Hungern und Erbrechen gesunden etwa zwei Drittel der Patienten.

Literatur

Fachliteratur

  • DGPM, DGPs, DGPPN et al. (Hrsg). S3-Leitlinie Essstörungen, 1. Auflage 2010. Internet: www.awmf-leitlinien.de.
  • Jacobi, C.; Paul, T. & Thiel, A. (2004). Essstörungen. Reihe Fortschritte der Psychotherapie.
  • Schulte, D., Grawe, K., Hahlweg, K. & Vaitl, D. (Hrsg.), Göttingen: Ho­grefe.
  • Herpertz, S.; de Zwaan, M.; Zipfel, S. (2008). Essstörungen und Adipositas. Berlin: Springer.

Ratgeber

  • Fichter, M. (2009). Magersucht und Bulimie: Mut für Betroffene, Angehörige und Freunde. Basel: Karger.
  • Paul, T. (2008). Ratgeber Magersucht – Informationen für Betroffene und Angehörige. Göttingen: Hogrefe.

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