BPtK 24. September 2008
ADHS: Medikamente viel zu oft verschrieben

Kinder und Jugendliche, die hyperaktiv sind und sich schlecht konzentrieren können, werden in Deutschland häufig falsch behandelt. Ein Drittel der Kinder und Jugendlichen, bei denen ADHS diagnostiziert wird, erhält keine spezifische Behandlung, über 40 Prozent bekommt eine Monotherapie mit Psychostimulanzien.

"Bei ADHS werden viel zu oft und zu schnell Medikamente verschrieben", kritisiert Prof. Dr. Rainer Richter, Präsident der Bundespsychotherapeutenkammer (BPtK). "Diese einseitige medikamentöse Behandlung entspricht nicht den Empfehlungen einer fachgerechten Behandlung." Aktuell erhalten nach den Daten der KV Bayerns nur 3,7 Prozent der betroffenen Kinder und Jugendlichen eine Psychotherapie und nur 2,8 Prozent eine Kombination aus Psycho- und Pharmakotherapie.

Die Diagnose ADHS wird bei Kindern mit Eintritt ins Schulalter immer häufiger gestellt. Vor allem Jungen fallen dann durch Hyperaktivität oder Aufmerksamkeits- und Konzentrationsstörungen auf. Bei den 11- bis 14jährigen erkrankt jeder zehnte Junge an ADHS, aber nur jedes 43. Mädchen. Medikamente scheinen eine schnelle und einfache Lösung zu bieten. Nach dem Arzneimittelreport 2008 der Gmünder Ersatzkasse gehören Psychostimulanzien zur Behandlung von ADHS deshalb schon zu den häufigsten Verordnungen bei 11- bis 14jährigen. "Dabei sind die Auswirkungen dieser oft jahrelangen medikamentösen Behandlung noch gar nicht ausreichend erforscht", warnt der BPtK-Präsident. Für eine leitliniengerechte Versorgung fehlen bundesweit Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten. "Die Wartelisten für psychisch kranke Kinder und Jugendliche sind lang. Wir brauchen deshalb dringend eine 20prozentige Mindestquote für Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie", fordert Richter.

Bisher lässt die Diagnostik von ADHS in vielen Fällen zu wünschen übrig. "Eine sorgfältige Untersuchung von ADHS benötigt mehr Zeit, als sich viele Haus- und Kinderärzte nehmen", stellt BPtK-Präsident Richter fest. Spezialisten benötigen für eine gründliche Anamnese mehrere Stunden, in denen sie ausführlich mit den Eltern und altersabhängig auch mit dem Kind sprechen und beide beobachten. Dabei kommen zusätzlich spezielle Testverfahren zum Einsatz. Wichtig ist es auch, Informationen vom Kindergarten oder der Schule einzuholen. "Erst mit einer gründlich ermittelten Krankengeschichte lässt sich zuverlässig festzustellen, ob ein Kind tatsächlich an ADHS erkrankt ist und wie ihm wirksam geholfen werden kann", betont Richter.

Leitlinien empfehlen eine multimodale ADHS-Therapie. Diese umfasst:

  • Aufklärung und Beratung der Eltern, des Kindes oder Jugendlichen und der Erzieher bzw. Lehrer,
  • Elterntraining und Familientherapie,
  • Interventionen im Kindergarten oder in der Schule,
  • Psychotherapie des Kindes oder Jugendlichen,
  • Pharmakotherapie unter sorgfältiger Abwägung des Nutzens und der Risiken, bei Kindern unter sechs Jahren grundsätzlich erst dann, wenn andere Interventionen ohne Erfolg geblieben sind.

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