BPtK 11. Mai 2007
1,5 Millionen Kinder psychisch schwer erkrankter Eltern

Kinder psychisch kranker Eltern haben ein stark erhöhtes Risiko, selbst seelisch zu erkranken. In Deutschland leben rund 1,5 Millionen Kinder, deren Eltern an einer Psychose oder einer schweren Depression leiden oder alkohol- bzw. drogenabhängig sind.

Dieses ergaben Schätzungen, die von der Bundespsychotherapeutenkammer (BPtK) auf der Basis des Bundesgesundheitssurveys 1998 erstmalig durchgeführt wurden. "Damit ist Zahl der betroffenen Kinder viel höher als bisher angenommen", stellte Prof. Dr. Rainer Richter, Präsident der BPtK, auf dem 10. Deutschen Psychotherapeutentag in Berlin fest. "Bis heute wird die Not dieser Kinder weitgehend übersehen."

Psychisch schwer erkrankte Eltern können nicht in dem Ausmaß für ihre Kinder sorgen, wie sie es eigentlich wollen. Eine Mutter, die unter schweren Depressionen leidet, ist seltener ansprechbar und oftmals mit der Versorgung ihrer Kinder überfordert. Ein Vater, der von Wahnideen gequält ist, unverständliche Gedanken und Ideen äußert, ist beängstigend. Häufig haben die Kinder Schuldgefühle: Sie denken, wenn sie dies oder jenes besser machen, fleißiger lernen oder sorgfältiger aufräumen würden, wäre die Mutter nicht so traurig oder der Vater nicht so unberechenbar und wütend. Sie erkennen durchaus, dass der Vater oder die Mutter krank sind und fühlen sich verantwortlich, für den erkrankten Elternteil zu sorgen, ihm sein Leiden zu erleichtern, an seine Medikamente zu denken. Oftmals müssen sie die Aufgaben des erkrankten Vaters oder der Mutter in der Familie übernehmen und werden durch die verfrühte Übernahme von elterlicher Verantwortung und Fürsorge etwa für jüngere Geschwister regelmäßig überfordert. "Kinder sind durch psychisch erkrankte Eltern gesundheitlich doppelt gefährdet", erklärte BPtK-Präsident Rainer Richter, "zum einem durch die beängstigenden Symptome, die sie nicht verstehen, und zum anderen durch die Parentifizierung, die verfrühte Übernahme von Verantwortung und Fürsorge in der Familie."

Ein gesunder Gesprächspartner ist für diese Kinder bereits eine große Hilfe. Ein Vater, der ein strukturiertes Familienleben ermöglicht und mit dem Kind über die kranke Mutter spricht, ist eine wertvolle Stütze. Viele Familien verschweigen jedoch die psychische Krankheit, kapseln sich ein und finden keinen Ausweg. "Deshalb ist es umso wichtiger, dass die psychiatrische Klinik, der niedergelassene Psychotherapeut oder die Jugendhilfe frühzeitig tätig werden", forderte Rainer Richter. Bei der Behandlung eines psychisch schwer erkrankten Elternteils sollte der Therapeut den Patienten darüber aufklären, dass seine Kinder Unterstützung brauchen und ihn auf Erziehungsberatungsstellen oder Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten hinweisen. "Bei psychisch kranken oder gefährdeten Kindern und Jugendlichen herrscht allerdings eine eklatante Unterversorgung", kritisierte der BPtK-Präsident. "Die Wartelisten sind in der Regel lang, die Kapazitäten in den Erziehungsberatungsstellen werden durch die Kommunen sogar teilweise noch abgebaut."

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