EU 19. Juni 2008
Europa schließt "Pakt für psychische Gesundheit"

Psychische Störungen nehmen europaweit zu. In mehreren EU-Ländern gehören sie schon zu den häufigsten Erkrankungen. Am 13. Juni 2008 schlossen Experten aus Politik und Wissenschaft in Brüssel deshalb einen "Europäischen Pakt für psychische Gesundheit und Wohlergehen".

"Wir versprechen uns von diesem Pakt einen starken Impuls für die Förderung der psychischen Gesundheit auch in Deutschland", erklärte BPtK-Präsident Prof. Dr. Rainer Richter, der die deutsche Psychotherapeutenschaft in Brüssel vertrat. Deutschland sei bei der Prävention von psychischen Erkrankungen kein Musterknabe in der EU. Psychische Erkrankungen gehörten in Deutschland zu den häufigsten Gründen für Arbeits- und Berufsunfähigkeit. Alarmierende 20 Prozent der Kinder und Jugendlichen seien psychisch auffällig. "Der Pakt nimmt die Politik, aber auch die Psychotherapeuten in Deutschland in die Pflicht, ihrer Verantwortung, insbesondere im Bereich der Prävention, künftig besser gerecht zu werden."

Europa weise mit dem Pakt auf die gravierenden Folgen psychischer Erkrankungen für die Gesellschaft hin, sagte Androulla Vassiliou, EU-Kommissarin für Gesundheit und Verbraucherschutz. Der Handlungsdruck sei groß. Die dramatischste Folge psychischer Erkrankungen sei der Suizid. Von 1.000 EU-Bürgern sterben zwölf durch Selbstmord. Das sind 59.000 Menschen jährlich - 9.000 Todesopfer mehr als im Straßenverkehr. Rund 90 Prozent aller Suizide werden mit psychischen Störungen in Verbindung gebracht, am häufigsten mit Depressionen.

Hinter den epidemiologischen Zahlen psychischer Erkrankungen verbergen sich Einzelschicksale, wie das des ehemaligen norwegischen Ministerpräsidenten Kjell Magne Bondevik, der während seiner Amtszeit an einer Depression erkrankte. Er schilderte den Konferenzteilnehmern eindrücklich, wie die Erkrankung sein Leben veränderte und lähmte. Im Gegensatz zu vielen anderen Betroffenen, die häufig auf Unverständnis oder Ablehnung stoßen, erhielt er jedoch rasch eine angemessene Behandlung und sogar eine breite Unterstützung aus der Bevölkerung. Europaweit ist er damit allerdings eine Ausnahme. Nur jeder sechste EU-Bürger, der an einer affektiven Störung erkrankt, erhält eine angemessene Behandlung. Diese Unterversorgung ist auch Resultat der Stigmatisierung psychisch kranker Menschen.

Der Europäische Pakt ruft daher zu partnerschaftlichem Handeln in Europa auf, um die weit verbreitete Tabuisierung und Stigmatisierung psychisch kranker Menschen zu überwinden. Weitere Handlungsfelder, zu denen Erkenntnisse und Erfahrungen zusammengeführt und gemeinsame Empfehlungen entwickelt werden sollen, sind Prävention von Suizid und Depression, psychische Gesundheit in den Bereichen Jugend und Bildung, psychische Gesundheit am Arbeitsplatz und psychische Gesundheit bei älteren Menschen.

Die Förderung der psychischen Gesundheit in Europa ist auch aus ökonomischer Sicht dringend geboten, um die Ziele der so genannten "Lissabon-Strategie für Wachstum und Beschäftigung" in der EU zu erreichen. Anhand von Kosten-Nutzen-Analysen machte Martin Knapp, Gesundheitsökonom an der London School of Economics, deutlich, dass eine erfolgreiche Behandlung psychisch kranker Menschen kostensparend ist. Bei Depressionen machten die Behandlungskosten nur ein Drittel der Gesamtkosten aus. Im Vergleich dazu betrugen die Kosten durch Fehlzeiten und Arbeitsunfähigkeit ein Vielfaches. In Schweden haben sich die Kosten für Depressionen allein von 1997 bis 2005 verdoppelt. Hauptursache war ein Anstieg der indirekten Kosten, verursacht durch Produktivitätsverluste. 2004 betrugen die volkswirtschaftlichen Kosten von Depressionen in der EU und der Europäischen Freihandelsassoziation (EFTA) 118 Milliarden Euro.

Dem Pakt waren Anhörungen zum Grünbuch "Die psychische Gesundheit der Bevölkerung verbessern - Entwicklung einer Strategie für die Förderung der psychischen Gesundheit in der Europäischen Union" vorausgegangen. Die EU-Kommission hatte das Grünbuch im Herbst 2005 vorgelegt. Mehr als 230 Stellungnahmen und eine Entschließung des Europäischen Parlaments forderten in den anschließenden Konsultationen nachdrücklich verstärkte Anstrengungen der EU, damit psychische Gesundheit zu einem vorrangigen Handlungsfeld in der Gemeinschaft wird.

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