SVR Gesundheit 02. Juli 2009
Gesundheitsversorgung in einer Gesellschaft des längeren Lebens

Gutachten 2009 des Sachverständigenrats

Obwohl die allgemeine medizinische Versorgung in Deutschland im internationalen Vergleich nicht schlecht abschneide, bestehen Mängel in der Behandlung von Kindern, von chronisch Erkrankten und von älteren Menschen mit mehreren Krankheiten. Das hat der Sachverständigenrat zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen in seinem Gutachten 2009 festgestellt. Das Gutachten betrachtet das deutsche Gesundheitssystem erstmals mit dem Blick auf die speziellen Bedarfe je nach dem Alter der Patienten. Das Gutachten soll helfen, die Behandlungs- und Betreuungsangebote besser auf die Bedürfnisse der Generationen auszurichten.

Ungleiche Entwicklungschancen für Kinder und Jugendliche

Die Sachverständigen bilanzieren große Erfolge einer weitgehend stabilen Phase verbesserter Lebensbedingungen und damit auch der Gesundheit von Kindern und Jugendlichen. Sie kritisieren jedoch, dass von den rund 700.000 Kindern, die pro Jahr in Deutschland geboren werden, etwa jedes fünfte Kind (140.000) "mit erheblichen, vor allem psychosozialen Belastungen und gravierenden Defiziten an materiellen und sozialen Ressourcen" aufwächst.

Deshalb seien "die zentralen Herausforderungen einer generationsspezifischen Gesundheitspolitik": die Verminderung von Kinderarmut, die Vermehrung zielgruppengerechter, vor allem auch vorschulischer Bildungschancen sowie sozialer Unterstützung. "Entwicklungsdefizite und Gesundheitsstörungen des Kindes- und Jugendalters münden mit hoher Wahrscheinlichkeit in ein langfristiges Krankheitsgeschehen und können die Lebensqualität dauerhaft einschränken", stellen die Sachverständigen fest. Dieser Zusammenhang von sozialer Lage und Gesundheitschancen erfordere multimodale und partizipative Gesundheitsprojekte sowie die bessere regionale Koordination und Kooperation der unterschiedlichen Angebote des Gesundheitssystems und der Jugendhilfe.

Psychische Krankheiten bei Kindern und Jugendlichen

Psychische Krankheiten können bereits früh im Leben auftreten und weisen eine hohe Komorbidität auf, betont der Sachverständigenrat in seinem Gutachten 2009. "Psychische und psychosoziale Probleme in Kindheit und Jugend werden häufig nicht in ihrem Krankheitswert erkannt bzw. nicht ausreichend behandelt." Insgesamt sei allerdings eine Zu- oder Abnahme psychischer Auffälligkeiten bei Kindern und Jugendlichen in den vergangenen Jahrzehnten nicht festzustellen. Öffentliche Aufklärung müsse Vorurteilen und Stigmatisierung von psychischen Störungen entgegenwirken.

Das Angebot an professioneller psychotherapeutischer und psychiatrischer Versorgung habe sich seit den 1970er Jahren deutlich ausgeweitet. Urbane Regionen wiesen dabei tendenziell eine höhere Versorgungsdichte auf - sowohl in der ambulanten als auch in der stationären Versorgung. Die ostdeutschen Bundesländer seien in der stationären, die westdeutschen in der ambulanten Versorgung besser besetzt. Allein anhand der Prävalenzen psychischer Störungen und der Dichte verschiedener Versorgungsangebote ließe sich jedoch nicht seriös eine Unter-, Fehl- und Überversorgung abschätzen, sodass das Gutachten dazu keine Wertungen vornimmt. Es bleibe weiterhin erforderlich, die Determinanten psychischer Störungen sowie die Qualität primärer und sekundärer Präventionskonzepte zu erforschen.

ADHS

Deutliche Kritik üben die Sachverständigen an der Versorgung von Kindern und Jugendlichen mit ADHS. Die hohen Prävalenzraten stiegen weiter. Außerdem werde ADHS zunehmend als bleibendes Problem im Erwachsenenalter erkannt. Bei den therapeutischen Maßnahmen niedergelassener Ärzte stehe die ausschließlich medikamentöse Behandlung an erster Stelle, obwohl multimodale Therapieformen, zu denen Psychotherapie gehört, als Konzept empfohlen werden. Es scheine deutlich schwieriger, eine Psychotherapie für das betroffene Kind zu erhalten als ein Medikament zu verschreiben. Therapieplätze seien z. T. nicht verfügbar oder mit langen Wartezeiten verbunden. Allerdings müssten sich auch Schulen, Kindergärten und Kindertagesstätten so verändern, dass Kinder mit ADHS Möglichkeiten haben, ihren Bewegungsdrang ausleben zu können.

Multimorbidität bei älteren und alten Menschen Rund zwei Drittel der über 65jährigen haben mindestens zwei chronische Erkrankungen. Die Sachverständigen weisen darauf hin, dass die Bedeutung von Mehrfacherkrankungen bisher noch nicht ausreichend empirisch untersucht sei. Insbesondere werde in Studien die psychische Komorbidität nicht berücksichtigt. Dies könne schwerwiegende Folgen für die Patienten haben. Die Multimorbidität im Alter stelle zudem besondere Anforderungen an die Arzneimittelversorgung in dieser Altersgruppe. Sie führe nicht selten dazu, dass ältere Menschen eine Vielzahl verschiedener Wirkstoffe gleichzeitig verordnet bekämen bzw. im Rahmen der Selbstmedikation einnehmen würden. Dabei entfalle ein nicht unerheblicher Verordnungsanteil u. a. von Benzodiazepinen für ältere GKV-Versi¬cherte auf Privatrezepte. Dies sei offenbar eine zunehmende Strategie von Vertragsärzten, Diskussionen über die unangemessene Häufigkeit und Dauer dieser teilweise abhängig machenden Arzneimittel zu entgehen.

Demenz

Besondere Beachtung verdiene die Verordnung von Psychopharmaka bei Demenzkranken, da eine große Anzahl von Psychopharmaka, z. B. Benzodiazepine oder Neuroleptika, die kognitiven Fähigkeiten weiter verschlechterten und Neuroleptika das Sterblichkeitsrisiko erhöhen würden. Neben der Anzahl der verordneten Medikamente gebe es aber auch eine Reihe grundsätzlich "unangebrachter" Arzneimittel für ältere Menschen. Die von amerikanischen Wissenschaftlern um Mark Beers erstellte Beers-Liste (letzte Aktualisierung 2003), in der potenziell unangebrachte Arzneimittel für ältere Menschen zusammengestellt sind, enthält größtenteils Medikamente, die das Nervensystem beein¬flussen (z. B. Flurazepam, trizyklische Antidepressiva, Benzodiazepine, Barbiturate). Der Sachverständigenrat sieht in einer Adaptation der Beers-Liste für den deutschen Arzneimittelmarkt eine Möglichkeit, die Arzneimittelsicherheit bei älteren Menschen zu erhöhen.

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