Editorial
Liebe Leserin, lieber Leser,
die gesundheitliche Versorgung steht vor enormen Herausforderungen. Digitalisierung, Deckelung, Steuerung – unser Kompass ist immer klar: Wir sind dem Wohl unserer Patient*innen verpflichtet. Und dafür stehen wir ein.
Nach 14 Monaten im Amt ist Bundesgesundheitsministerin Nina Warken ins Bundeskanzleramt gewechselt. Mit Dr. Carsten Linnemann steht ein neuer Minister vor der Aufgabe, zentrale Strukturreformen im Gesundheitswesen voranzubringen und dabei eine adäquate Versorgung sicherzustellen. Gleichzeitig erleben wir eine Bundesregierung, deren Stabilität und Handlungsfähigkeit zunehmend unter Druck stehen. Nötig sind jetzt durchdachte gesundheitspolitische Reformen.
Keine Frage, die finanzielle Lage der gesetzlichen Krankenversicherung bleibt angespannt. Doch die Strukturen der Versorgung müssen patientenorientiert weiterentwickelt werden. Vor uns liegen sehr wichtige Weichenstellungen. Vor allem die Umsetzung der Entschließung, die wichtige Korrekturen zum GKV-Beitragssatzstabilisierungsgesetz (GKV-BStabG) bewirken kann und muss. Und natürlich die Reform der Primärversorgung. Zudem die weitere Digitalisierung des Gesundheitswesens und die Notfallreform, wichtige Fragen zur Finanzierung der psychotherapeutischen Weiterbildung und zur künftigen Bedarfsplanung.
Ich weiß, dass die Verunsicherung und auch der Unmut in unserem Berufsstand derzeit groß sind. Die Deckelung der Versorgung durch das GKV-BStabG, die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen psychotherapeutischer Praxen und die weiterhin nicht gelöste Finanzierung der Weiterbildung – all dies dürfen wir nicht einfach hinnehmen. Für uns als Bundespsychotherapeutenkammer bedeutet diese Situation zweierlei: Wir werden weiterhin mit großem Nachdruck auf notwendige Korrekturen und faire Rahmenbedingungen drängen. Und gerade deshalb wollen wir die anstehenden Reformen mitgestalten – kritisch und konstruktiv, mit klarer Kante und klugen Konzepten. Wir müssen die Chancen nutzen, die sich in den kommenden Monaten bieten. Dazu sind wir im intensiven Gespräch mit den Spitzen des Bundesgesundheitsministeriums, Abgeordneten des Deutschen Bundestages und vielen Partner*innen. Ein wichtiger nächster Schritt ist die gesetzliche Umsetzung der Entschließung zum GKV-BStabG. Sie enthält wichtige Korrekturen zum GKV-BStabG für die psychotherapeutische Versorgung von Kindern und Jugendlichen, schwer psychisch erkrankten Menschen und Patient*innen mit besonders dringlichem Behandlungsbedarf. Diese Zusagen müssen zügig und sachgerecht umgesetzt werden. Insbesondere beim Regelungsvorschlag für die dringlichen Behandlungsfälle sehen wir noch wesentlichen Änderungsbedarf.
Auch bei anderen anstehenden Entscheidungen vertreten wir klare Positionen. Im geplanten Primärversorgungssystem muss der bewährte Direktzugang zur Psychotherapie dringend erhalten bleiben; zugleich sollte die Zusammenarbeit zwischen den Gesundheitsberufen verbessert werden. Einer schönen neuen Welt mit einem Digitaltool als Gatekeeper erteilen wir eine sehr klare Absage. Beim Gesetz für Daten und digitale Innovation im Gesundheitswesen (GeDIG) wollen wir die Chancen der Digitalisierung nutzen, ohne neue Zugangshürden zu schaffen oder die notwendige Trennung zwischen Versicherung und Versorgung zu verwischen. Und mit Blick auf die Reform des Nachrichtendienstrechts muss die besondere Vertraulichkeit der psychotherapeutischen Beziehung umfassend und absolut geschützt werden.
Mit unserem Impulspapier zu Social Media und psychischer Gesundheit richten wir den Blick zugleich auf die Bedürfnisse von Kindern, Jugendlichen und ihren Familien. Digitale Teilhabe und der Schutz der psychischen Gesundheit dürfen dabei nicht gegeneinander ausgespielt werden. Heranwachsende brauchen digitale Räume, die ihren Rechten und Bedürfnissen gerecht werden. Das setzt eine Plattformregulierung voraus, die diesen Namen verdient hat.
Viele dieser Fragen werden uns auch beim kommenden Deutschen Psychotherapeutentag beschäftigen. Wir werden gemeinsam Prioritäten setzen, um unsere Anliegen wirksam zu vertreten.
Die kommenden Wochen und Monate werden anspruchsvoll. Sie bieten aber auch die Chance, die psychotherapeutische Versorgung mitzugestalten. Lassen Sie uns diese Chance gemeinsam nutzen – mit klaren Positionen, fachlich fundierten Argumenten und der Bereitschaft zum Konflikt, wo nötig, und zum konstruktiven Dialog, wo möglich.
Ich wünsche Ihnen eine interessante Lektüre und freue mich auf die anstehenden Gespräche und Beratungen.
Herzlichst
Ihre Dr. Andrea Benecke
Veröffentlicht am 07. Oktober 2026