Europa
Krieg, Katastrophen und Krisen in Europa – wenn schnelle Hilfe gefragt ist
Ein Blick auf die psychotherapeutische Versorgung im Katastrophen- und Zivilschutzfall in Europa
Wie kann die Versorgung von psychisch erkrankten Menschen in Kriegsgebieten, bei Naturkatastrophen und anderen Großschadenslagen sichergestellt werden? Wie kann psychisch belasteten, teils schwer traumatisierten Menschen schnell geholfen werden? Wie können wir über nationale Grenzen und Versorgungssysteme hinweg kooperieren, um eine große Zahl an Betroffenen zu versorgen?
Diese Fragen standen im Zentrum des diesjährigen Symposiums des Network for Psychotherapeutic Care in Europe (Netzwerk für psychotherapeutische Versorgung in Europa; NPCE) am 23. September 2026, das BPtK-Vizepräsident Dr. Nikolaus Melcop leitete. Psychotherapeut*innen und klinische Psycholog*innen aus verschiedenen europäischen Ländern tauschten sich aus, verglichen bestehende Ansätze in ihren Ländern und identifizierten Versorgungslücken.
Traumatherapie für Kinder und Jugendliche in der Ukraine
Russlands Angriffskrieg gegen die Ukraine hat Millionen Menschen Gewalt, Verlust, Vertreibung und anhaltender Unsicherheit ausgesetzt. Viele leben über einen langen Zeitraum in einem gefährlichen und unsicheren Umfeld. Das stellt die traumafokussierte Behandlung vor besondere Herausforderungen, da klassische Therapieansätze in der Regel von einer sicheren Umgebung als Behandlungsvoraussetzung ausgehen, wie die Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin und Universitätsprofessorin Dr. Elisa Pfeiffer (Katholische Universität Eichstätt-Ingolstadt) in ihrem Vortrag erläuterte. Auch die behandelnden Psychotherapeut*innen selbst sind stark belastet, viele haben Krieg, Vertreibung oder Verlust erlebt, wie Pfeiffer betonte.
Im Rahmen eines internationalen Projekts wurden seit März 2022 über 300 ukrainische Therapeut*innen in traumafokussierter kognitiver Verhaltenstherapie und später in EMDR ausgebildet. Mehr als 1.000 Kinder und Jugendliche zwischen 3 und 21 Jahren wurden seither behandelt. Die Effekte waren enorm: Die psychische Belastung der jungen Patient*innen sank deutlich, viele erfüllten nach Abschluss der Psychotherapie die diagnostischen Kriterien einer Posttraumatischen Belastungsstörung nicht mehr. Langfristig gehe es vor allem darum, nachhaltige lokale Strukturen aufzubauen, so Pfeiffer.
Notfallpsychologische Versorgung in Portugal
Wie psychologische Erste Hilfe im Katastrophen- und Unglücksfall funktionieren kann, stellte Dr. Susana Gouveia, Psychologin beim Portugiesischen Roten Kreuz, in ihrem Beitrag dar. Bei den Waldbränden von Pedrógão Grande im Jahr 2017 und dem Unglück der Standseilbahn Elevador da Glória in Lissabon im September 2025, zeigte sich, wie wichtig die frühe Einbindung von Psycholog*innen in Rettungsstrukturen ist.
Aus den portugiesischen Erfahrungen leitete Gouveia zentrale Lehren ab: eine klare Verantwortungsverteilung, eine gemeinsame Sprache, definierte Kommandostrukturen und koordinierte Übergänge von der Akutversorgung in die längerfristige psychotherapeutische Behandlung. Psychotherapeut*innen ohne spezifische Krisenintervention-Ausbildung sollten vor allem in der Nachsorgephase eingebunden werden, wenn Betroffene fortlaufende Behandlung benötigen.
Fazit: Nachhaltige europäische Strukturen
Die Erfahrungsberichte aus den verschiedenen Ländern zeigten, wie unterschiedlich die Psychosoziale Notfallversorgung – und die psychotherapeutische Versorgung generell – in Europa organisiert ist. Trotz unterschiedlicher nationaler Systeme waren sich die Teilnehmenden einig: Der Schutz der psychischen Gesundheit im Krisenfall erfordert koordiniertes Handeln, nachhaltige Strukturen und eine enge Zusammenarbeit über Berufs- und Landesgrenzen hinweg.
Veröffentlicht am 07. Oktober 2026