Editorial
Liebe Leserin, lieber Leser,
der Beschluss des GKV-Beitragssatzstabilisierungsgesetzes markiert einen tiefen Einschnitt in die ambulante wie stationäre Versorgung.
Unter enormem Zeitdruck und ohne eine dezidierte Analyse zur Folgenabschätzung hat die Politik ein Paket an Spar- und Kürzungsmaßnahmen auf den Weg gebracht, das einen erheblichen Substanzverlust gerade in den Bereichen der Versorgung bewirken könnte, die für die geplanten Strukturreformen so dringlich benötigt werden. Das Ziel muss es sein, die GKV-Finanzen zu stabilisieren, aber ohne die Versorgung zu destabilisieren. Ob das mit dieser Reform gelingen wird, muss leider bezweifelt werden.
In der aktuellen Form gefährdet das Gesetz die Patientenversorgung und die wirtschaftlichen Grundlagen psychotherapeutischer Praxen. Die Budgetierung deckelt die Behandlungskapazität und führt zu weniger Therapieplätzen und damit längeren Wartezeiten. Aufgrund der kurzfristig beschlossenen Streichung der Angemessenheitsprüfung entfällt der bisherige, unmittelbar geltende gesetzliche Schutzmechanismus für eine angemessene Vergütung psychotherapeutischer Leistungen. Wir werden uns mit aller Kraft weiter dafür einsetzen, negative Folgen dieses Gesetzes für Patient*innen und Psychotherapeut*innen zu verhindern, und grundlegende Korrekturen einfordern.
Dazu gehört auch, die im Entschließungsantrag beschlossenen Maßnahmen auf den Weg zu bringen, um die extrabudgetäre Vergütung der ambulanten Psychotherapie für Kinder und Jugendliche, schwer psychisch erkrankte Patient*innen und besonders dringliche Fälle sowie die vollständige Vergütung bereits laufender Behandlungen bis zu deren regulärem Abschluss gesetzlich vorzugeben.
Gerade die extrabudgetäre Vergütung in der Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie ist eine unverzichtbare Grundlage für die ausstehende Reform der Bedarfsplanung. Für eine eigene Bedarfsplanungsgruppe Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie haben wir uns gegenüber der Politik in den vergangenen Monaten noch einmal besonders stark gemacht.
Diese Ankündigungen müssen nun dringend ihren Weg ins Gesetz finden, um baldmöglichst wirksam zu werden. Die überraschenden personellen Wechsel an der Spitze des Gesundheitsministeriums dürfen dabei zu keiner Verzögerung führen. Zu drängend ist die Vielzahl weiterer gesundheitspolitischer Herausforderungen, die in den kommenden Monaten gemeinsam bewältigt werden müssen.
Die Fülle der Themen, die unsere Profession beschäftigen ist groß: Die digitalen Grundlagen für die Einführung eines Primärversorgungssystems werden gerade mit dem Gesetz für Daten und digitale Innovation im Gesundheitswesen (GeDIG) auf den Weg gebracht. Die Reformprozesse im Krankenhausbereich drängen unvermindert. Auch die Notfallreform muss zu einem Abschluss gebracht und mit den weiteren Strukturreformen verzahnt werden. Unser Anliegen ist es, diese Entwicklungen konstruktiv zu begleiten und darauf hinzuwirken, dass die Versorgung von Menschen mit psychischen Erkrankungen systematisch gestärkt und weiterentwickelt wird.
Dabei ist es mir ein wichtiges Anliegen, diese Weiterentwicklung auch durch Angebote für die tägliche psychotherapeutische Arbeit zu unterstützen. Deshalb hat die BPtK eine Praxis-Info Gruppenpsychotherapie erarbeitet, damit diese hochwirksame und effiziente Behandlungsmöglichkeit im Versorgungsalltag stärker genutzt wird und noch mehr Patient*innen davon profitieren können. Die Rolle der KI wächst auch in der psychotherapeutischen Versorgung. Dem wollen wir mit einem eigenen Modul im Curriculum Digitalisierung künftig stärker Rechnung tragen.
In dieser Ausgabe des Newsletters berichten wir außerdem über den 48. Deutschen Psychotherapeutentag in Travemünde, die Berliner Kundgebung zur Finanzierung der Weiterbildung im „Aktionsmonat Mai“, unser Impulspapier zur Stärkung der Psychosozialen Notfallversorgung (PSNV) sowie die Kooperationstagung der BPtK und der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen „Suchthilfe und Psychotherapie: Wie gemeinsame Versorgung besser gelingen kann“ im November in Weimar.
Ich hoffe, dass Ihnen dieser Newsletter Unterstützung bietet – in einer Zeit, in der sich vieles verändert und wir umso mehr gefordert sind.
Herzlichst
Ihre Dr. Andrea Benecke
Veröffentlicht am 04. August 2026