Deutscher Psychotherapeutentag
Versorgung sichern, Einschnitte stoppen
48. DPT am 8. und 9. Mai 2026 in Travemünde
Am 8. und 9. Mai 2026 trat der 48. Deutsche Psychotherapeutentag (DPT) unter der Leitung von Birgit Gorgas, Christoph Treubel und Dr. Jürgen Tripp in Travemünde zusammen. Gastgeberin war die Psychotherapeutenkammer Schleswig-Holstein.
„Concordia domi foris pax“
In seinem Grußwort erinnerte der Präsident der Landespsychotherapeutenkammer Schleswig-Holstein Dr. Clemens Veltrup an den lateinischen Leitspruch am Lübecker Holstentor „Concordia domi foris pax“ – „Eintracht innen, Frieden außen“. Er verwies auf bedeutende Persönlichkeiten aus Lübeck beziehungsweise Travemünde, die sich mit gesellschaftlichen Veränderungen auseinandergesetzt haben. So habe Thomas Mann in den „Buddenbrooks“ den Niedergang einer Familie beschrieben, die an alten Traditionen festhielt. Willy Brandt leitete mit dem Motto „Mehr Demokratie wagen“ wichtige gesellschaftliche Veränderungen ein. Auch der Lyriker Emanuel Geibel thematisierte in seinem Gedicht „Der Mai ist gekommen“ den Aufbruch ins Unbekannte. Mit diesem Bezug wünschte Veltrup den Delegierten einen erfolgreichen 48. Deutschen Psychotherapeutentag.
Eine Zeit großer gesundheitspolitischer Herausforderungen
Die Bundesländer verfolgten die von der Bundesregierung geplanten Gesundheitsreformen genau, versicherte der Ministerpräsident Schleswig-Holsteins Daniel Günther in seiner Videobotschaft. Die Kürzung der psychotherapeutischen Honorare um 4,5 Prozent zum 1. April 2026 sei eine große Herausforderung für die Psychotherapeut*innen. Dieses Thema beschäftige auch den Schleswig-Holsteinischen Landtag und die Gesundheitsministerkonferenz der Länder.
In einer Zeit gehäuft auftretender psychischer Erkrankungen – gerade bei jungen Menschen – sei die psychotherapeutische Versorgung von besonderer Bedeutung. Der schleswig-holsteinische Ministerpräsident dankte den Psychotherapeut*innen für ihre segensreiche Tätigkeit und sprach ihnen seinen Respekt aus.
Dr. Olaf Tauras, Staatssekretär im Ministerium für Justiz und Gesundheit des Landes Schleswig-Holstein, konnte die große Verunsicherung innerhalb des Berufsstands und der Bevölkerung nachvollziehen. Menschen mit psychischen Erkrankungen benötigten belastbare Strukturen. Er versicherte den Delegierten des 48. DPT, dass das Land Schleswig-Holstein alle Mittel ausschöpfen werde, um gegenüber dem Bund eine belastbare psychotherapeutische Versorgung zu sichern.
Es brauche mehr ambulante psychotherapeutische Kapazitäten, nicht weniger, so Tauras. Um die psychotherapeutische Versorgung langfristig zu sichern, sollten bereits jetzt junge Menschen angeworben werden. Tauras kündigte an, dass Schleswig-Holstein den Bund dazu auffordern werde, die psychotherapeutische Weiterbildung auszufinanzieren. Er dankte den Delegierten für ihre Fachexpertise, aber auch für Kritik, die unverzichtbar sei, um die Versorgung von morgen zu gestalten.
Gedenken an Verstorbene
Zu Beginn ihrer Beratungen gedachten die Delegierten des 48. DPT dreier kürzlich verstorbener Persönlichkeiten, die die deutsche Psychotherapeutenschaft in Wissenschaft, Berufspolitik und Selbstverwaltung über Jahrzehnte mitgeprägt hatten. Versammlungsleiterin Birgit Gorgas würdigte die Verdienste von Prof. Dr. Cord Benecke, Psychotherapieforscher und Professor für Klinische Psychologie an der Universität Kassel, sowie Mareke de Brito Santos-Dodt, Psychologische Psychotherapeutin, über lange Jahre Bundesdelegierte und in der Psychotherapeutenkammer Baden-Württemberg aktiv. BPtK-Präsidentin Dr. Andrea Benecke erinnerte anschließend an Prof. Dr. Rainer Richter, den früheren Präsidenten der Bundespsychotherapeutenkammer (2005 bis 2015) und Gründungspräsidenten der Psychotherapeutenkammer Hamburg, der die professionelle Identität der deutschen Psychotherapeutenschaft wie kaum ein anderer mitgeformt hatte. Die Versammlung ehrte die Verstorbenen mit einer Schweigeminute.
BPtK-Präsidentin Benecke: Wer tiefe Einschnitte vornimmt, verschlechtert das Gesundheitssystem
BPtK-Präsidentin Dr. Andrea Benecke würdigte zu Beginn ihrer Rede das Engagement der zurückgetretenen Vizepräsidentin Sabine Maur. Mit Klarheit und Mut habe sie wichtige Themen wie die digitale Neuausrichtung, den Einsatz gegen Diskriminierung und für Inklusion, die Verbindung von Klima- und Gesundheitsschutz sowie eine moderne, offene Kommunikation vorangetrieben. Besonders zu betonen sei ihr Einsatz für Menschen aus marginalisierten Gruppen und für die Verbesserung der Versorgungssituation für trans* Personen. Sie habe die BPtK bei diesen Themen entscheidend vorangebracht und sie in vielerlei Hinsicht geprägt.
Im weiteren Verlauf der Rede von BPtK-Präsidentin Benecke standen die Auswirkungen des geplanten GKV-Beitragssatzstabilisierungsgesetzes (GKV-BStabG). Benecke warnte davor, dass die vorgesehenen Einsparungen die ambulante psychotherapeutische Versorgung massiv verschlechtern würden. Auch psychiatrische und psychosomatische Kliniken seien betroffen. Die BPtK fordere eine gesetzlich geregelte extrabudgetäre Vergütung psychotherapeutischer Leistungen und eine solide Folgenabschätzung geplanter Kürzungen.
9-Punkte-Erklärung: „GKV-Beitragssatzstabilisierungsgesetz stoppen“
Benecke berichtete, dass die BPtK ihre Position in Gesprächen mit Politik und Ministerien, durch Pressearbeit sowie gemeinsam mit Verbänden in einer 9-Punkte-Erklärung deutlich gemacht habe. Benecke rief die Profession dazu auf, geschlossen gegen die Einsparungen einzutreten.
Auch die beschlossenen Honorarkürzungen kritisierte sie scharf. Die Behauptung des GKV-Spitzenverbands, Psychotherapeut*innen würden überdurchschnittlich verdienen, sei falsch. Tatsächlich hätten sie nach Abzug der Praxiskosten den mit Abstand niedrigsten Stundenverdienst aller Facharztgruppen.
Weitere Themen der Rede waren der Erhalt des Direktzugangs zur Psychotherapie, die Finanzierung der Weiterbildung, Digitalisierung und Künstliche Intelligenz (KI) sowie die Verbesserung der Versorgung von Kindern und Jugendlichen. Für ein psychisch gesundes Aufwachsen von Kindern und Jugendlichen seien endlich auch feste Regelungen zur Nutzung von Social Media notwendig.
Positiv bewertete Benecke Fortschritte bei der Reform der GOÄ/GOP. Zudem berichtete sie über Entwicklungen in der Psychosozialen Notfallversorgung und kündigte ein entsprechendes Positionspapier an.
In der anschließenden Aussprache unterstützten die Delegierten den Vorstand und äußerten große Sorge über die Auswirkungen der Honorarkürzungen und des GKV-BStabG. Sie warnten vor längeren Wartezeiten, einer Verschlechterung der Versorgung und wirtschaftlichen Problemen für Praxen sowie weiteren Erschwernissen für die Umsetzung der Aus- und Weiterbildung. Auch Psychotherapeut*innen in Ausbildung (PiA) und Psychotherapeut*innen in Weiterbildung (PtW) berichteten von Zukunftsängsten.
Benecke betonte, dass die Profession die Interessen psychisch erkrankter Menschen weiterhin entschieden gegenüber der Politik vertreten werde.
Cornelia Metge zur BPtK-Vizepräsidentin gewählt
Für die Nachwahl der BPtK-Vizepräsident*in kandidierte Cornelia Metge, bisher Beisitzerin im Vorstand. In ihrer Bewerbungsrede betonte sie die Bedeutung von Vertrauen, Vernetzung und Zusammenarbeit in der berufspolitischen Arbeit. Angesichts wachsender Herausforderungen, steigenden Versorgungsbedarfs sowie Honorarkürzungen und des geplanten GKV-Beitragssatzstabilisierungsgesetzes rief sie die Profession zu Geschlossenheit auf. Zugleich verwies sie auf die Notwendigkeit von Kompromissen in demokratischen Prozessen.
Metge sprach sich für eine flächendeckend erreichbare psychotherapeutische Versorgung, mehr Prävention sowie den Ausbau der Versorgung von Kindern und Jugendlichen aus. Auch der Umgang mit sozialen Medien müsse stärker reguliert werden. Sie kündigte an, als Vizepräsidentin die gesamte Profession im Blick zu behalten und Brücken zu bauen. Anschließend wurde sie mit großer Mehrheit gewählt.
Digitale Agenda 2030 der BPtK
Vizepräsident Dr. Nikolaus Melcop stellte den aktuellen Projektstand der Digitalen Agenda 2030 der BPtK vor. Im Rahmen des Projekts sei eine Vielzahl an Gesprächen mit Expert*innen aus der Wissenschaft, relevanten Akteur*innen aus den Reihen von Start-ups, Krankenkassen sowie Vertreter*innen aus der Industrie und Politik geführt worden. Melcop dankte den Kinder- und Jugendlichenexpert*innen aus den Landeskammern, die das Projekt im Rahmen eines Werkstattgesprächs zum Thema Social Media mit ihrer Expertise unterstützt hatten.
Zwei wesentliche Module des Projekts seien bereits abgeschlossen worden: Es wurde eine Praxis-Info zu administrativer KI veröffentlicht und das Curriculum Digitalisierung um ein Modul zu Künstlicher Intelligenz erweitert, sodass in naher Zukunft Fortbildungsveranstaltungen für Psychotherapeut*innen zu diesem Thema zur Verfügung stehen.
Aktuell, so Melcop weiter, arbeite die BPtK in enger Abstimmung mit ihren Gremien an der Erarbeitung von Handlungsempfehlungen, um sich in die öffentliche Debatte zu Künstlicher Intelligenz im Gesundheitswesen einbringen zu können.
Social Media und Verhaltenssüchte im Kindes- und Jugendalter
Prof. Dr. Hans-Jürgen Rumpf von der Universität Lübeck gab einen Überblick über die Risiken von Social Media für die psychische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen, insbesondere hinsichtlich Verhaltenssüchten. Er beleuchtete Prävalenzen, Diagnostik, Interventionen und bestehende Versorgungsbarrieren. In der Diskussion wurden unter anderem Stepped-Care-Ansätze, die Rolle der Eltern, Chatbots sowie die Bedeutung realer sozialer Interaktion thematisiert.
Cornelia Metge plädierte dafür, einen umfassenden Ansatz zum Schutz und zur Teilhabe junger Menschen im digitalen Raum zu verfolgen. Die BPtK stehe dazu im intensiven Austausch mit Gremien und externen Stakeholder*innen. Deutlich geworden sei die Notwendigkeit eines Zusammenspiels aus Plattformregulierung, Prävention, altersgerechtem Zugang, Versorgung und Forschung unter Einbezug junger Menschen. Die Diskussion unterstrich die Dringlichkeit zeitnaher Regulierung.
Umsetzung der Weiterbildung: weiter ohne gesicherte Finanzierung
Ein weiterer Schwerpunkt des 48. DPT war die Umsetzung der Weiterbildung. BPtK-Präsidentin Dr. Andrea Benecke erklärte, dass zwar ausreichend Studienplätze geschaffen wurden, die Finanzierung der Weiterbildung aber weiterhin unzureichend sei. Ohne finanzielle Förderung sei das Angebot von Weiterbildungsstellen für viele Praxen und Ambulanzen ein zu großes wirtschaftliches Risiko. Durch die Honorarkürzungen und geplante Einschnitte durch das GKV-BStabG drohten zusätzliche Belastungen. Benecke forderte daher eine gesicherte Finanzierung der Weiterbildung. Das hatten CDU/CDU und SPD vor einem Jahr in ihrem Koalitionsvertrag vereinbart.
In der Debatte wurden positive Erfahrungen mit den Absolvent*innen des neuen Psychotherapiestudiums und der Anstellung von PtW hervorgehoben. Gleichzeitig berichteten PiA von Problemen in der Übergangsphase des alten Ausbildungssystems, etwa bei Fristen, Härtefallregelungen und Plätzen für die Praktische Tätigkeit.
Die Weiterbildungskommission stellte Entwürfe für eine Bereichsweiterbildung Hypnotherapie/Klinische Hypnose für die beiden Muster-Weiterbildungsordnungen vor. Die Delegierten begrüßten die neue Weiterbildung als wichtigen Beitrag zum Titelschutz und zur Patientensicherheit und beschlossen die Entwürfe mit großer Mehrheit
Darüber hinaus stellte Dr. Bruno Waldvogel einen Antrag zur Änderung der Muster-Fortbildungsordnung bezüglich der Qualifikation von Referent*innen vor, den die Delegierten mit großer Mehrheit annahmen. Die Neuregelung stellt klar, dass Referent*innen selbst auch über eine Approbation verfügen müssen. Bei nicht approbationspflichtigen Rahmenthemen kann auch ein Nachweis über eine einschlägige Berufsqualifikation ausreichen.
eLogbuch: Projekt erreicht nächste Phase
BPtK-Vorstandsmitglied Wolfgang Schreck berichtete über das gemeinsame IT-Projekt „eLogbuch“ von BPtK und Landespsychotherapeutenkammern. Es soll die Dokumentation der Weiterbildung künftig bundesweit digital und einheitlich ermöglichen. Der Vertragsabschluss ist für Sommer 2026 geplant, der Start des Systems für Mitte 2027.
Verschiedenes
Die Themen „Bedarfsplanung Kinder und Jugendliche“ und „Präventionsstrategie“ wurden aus Zeitgründen vertagt. Zum Abschluss wurde ein Animationsfilm der BPtK gezeigt, der auf die Versorgungsdefizite in der Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie aufmerksam macht und eine eigenständige Bedarfsplanung fordert.
Vom 48. DPT verabschiedete Resolutionen
Die Delegierten des 48. DPT verabschiedeten einstimmig oder mit großer Mehrheit die folgenden Resolutionen:
- Kinder und Jugendliche können nicht warten: Bedarfsplanung jetzt reformieren!
- Schaffung von Weiterbildungsstellen finanziell fördern und nicht behindern
- Schutz, Befähigung, Teilhabe: Psychische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen in der digitalen Welt sichern!
- Stoppt das GKV-Beitragssatzstabilisierungsgesetz jetzt!
- Honorarkürzungen nicht hinnehmbar!
- Leitliniengerechte Versorgung von trans* Personen jetzt sicherstellen!
- Stationäre Psychiatrie und Psychosomatik: Die Qualität der Versorgung ist durch das geplante Beitragssatzstabilisierungsgesetz gefährdet!
- Gemeinsam gegen Hass – für eine vielfältige, sichere Gesellschaft
Veröffentlicht am 04. August 2026